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  • AutorenbildDenise Nyffenegger

Das dreiteilige autonome Nervensystem

Unser Leben wird nicht nur durch die Kindheit sondern schon vorgeburtlich

massgeblich geprägt. Es ist jedoch während des ganzen Lebens möglich, Prägungen zu verändern, die zu Beginn und im Verlauf unseres Lebens entstanden sind. Im heutigen Blog beleuchte ich das autonome Nervensystem, welches auf der gängigen Unterteilung in Sympathikus und Parasympathikus beruht, noch von einem weiteren im Alltag weniger bekannten Blickwinkel; Thema ist das dreiteilige autonome Nervensystem.



In der Theorie wird vom dreiteiligen autonomen Nervensystem gesprochen, welches sich aus folgenden drei Ästen zusammenfügt:


  • sympathisches Nervensystem

  • parasympathisches Nervensystem

  • soziales Nervensystem



Zum besseren Verständnis des Nervensystems im Überblick betrachte ich es aus zwei verschiedenen Gesichtspunkten:


Das Nervensystem wird anatomisch gesehen ins zentrale Nervensystem (ZNS) mit Gehirn, Meningen (Hirnhäute) und Rückenmark und ins periphere Nervensystem (PNS), zu welchem Hirnnerven und Spinalnerven zählen, die peripheren Nervenumschaltstellen (Ganglien) miteingeschlossen, eingeteilt. Funktionell gesehen wird vom willkürlichen und unwillkürlichen Nervensystem gesprochen. Das willkürliche Nervensystem setzt sich aus afferenten (sensiblen) und efferenten (motorischen) Nervenbahnen zusammen. Das unwillkürliche Nervensystem, auch bekannt als autonomes oder vegetatives Nervensystem, ist nicht unserem Willen unterworfen und stimmt die Tätigkeit der inneren Organe aufeinander ab. Die Steuerung erfolgt über den Sympathikus und den Parasympathikus. Dabei handelt es sich um die übliche Sichtweise des autonomen Nervensystems, welche auf der Unterteilung in Sympathikus und Parasympathikus beruht. Der Sympathikus stellt den Körper auf eine nach aussen gerichtete muskelanregende Leistung wie Kampf- Abwehr- oder Fluchtreaktion ein. Die Ursprungskerne des Sympathikus liegen im 8. Hals- bis zum 3. Lendenwirbelsegment. Die Aufgabe des Parasympathikus ist es, den Körper auf Ruhe und Erholung einzustellen; er ist der Gegenspieler des Sympathikus. Die Zentren liegen in den Seitenhörnern der Sacrumregion (Kreuzbeinregion) des Rückenmarks und im Stammhirn. Die meisten Organe werden sowohl vom Sympathikus als auch vom Parasympathikus innerviert. Als Antagonisten regulieren sie sich gegenseitig.



Soziales Nervensystem


Beim dritten Ast des autonomen Nervensystems sprechen wir vom polyvagalen Nervensystem (soziales Nervensystem). «Der Begriff polyvagal bringt zum Ausdruck, dass der Vagus-Nerv (10. Hirnnerv), der den zentralen Teil des parasympatischen Nervensystems ausmacht, verschiedene Charakteristika und Funktionen hat (poly = mehrere).»¹


Das autonome Nervensystem des Menschen übernimmt eine Schutz- und Verteidigungsfunktion ein und ist für unser Wohlbefinden und unsere Zufriedenheit verantwortlich. Es ist auf drei Lebenssituationen ausgerichtet: Sicherheit, Gefahr und Lebensgefahr. Menschen die sich in Sicherheit wiegen, verhalten sich ruhig und gelassen, was die soziale Verbundenheit und Kommunikation fördert. Das ventral vagale System (Zellkern im vorderen Teil des Stammhirns) ist in dieser Situation aktiv. In einer Gefahrensituation hingegen werden Kampf- und Abwehrmechanismen aktiviert, was den ventralen Vagus, folglich die soziale Kommunikation hemmt.


Im Zustand höchster Lebensgefahr wird der dorsale Vagus (Zellkern im hinteren Teil des Stammhirns) von den anderen beiden Systemen ausgeschaltet: der Organismus befindet sich in einem dissoziativen Zustand. Dieser überaktivierte parasympathische Zustand äussert sich in erstarrtem und lethargischem Verhalten. In Zusammenhang mit therapeutischer Intervention stellt dies ein wichtiger Aspekt dar. Als Therapeutin verfolge ich die Absicht, das autonome Nervensystem des Klienten zu seinem normalen und gesunden Zyklus hin zu begleiten. Das heisst, dass es wie ein gut eingestellter Thermostat funktionieren kann. Ein autonomes Nervensystem, welches auf Ressourcen gestützt ist, antwortet unmittelbar auf Erfahrung und hält nicht an vergangenen Erfahrungen fest.




Kreative Selbstregulierung


Doch wie wird dieser Zustand der kreativen Selbstregulierung gefördert und unterstützt? Die Funktionen des sozialen Nervensystems sind präkognitiv (fühlendes Gehirn); ein Neugeborenes nutzt unbewusst den Kontakt zur Mutter, um sein Nervensystem zu regulieren und um das Überleben zu sichern. Die Stimme der Mutter, das Hören von vertrauten Geräuschen, Gesichtsausdrücke, regelmässiger kurzer Augenkontakt und Körperkontakt fördern die Mutter-Kind-Bindung.

Folglich spielt das soziale Nervensystem auch beim Jugendlichen und Erwachsenen in der Therapie zur Behandlung herausfordernder Lebenssituationen eine wichtige Rolle. Damit sich das Nervensystem selbst regulieren kann, ist es wichtig, dass der Therapeut unter anderem regelmässig kurzen Augenkontakt sowie gezielten Körperkontakt zum Klienten herstellt. Indem der Klient seine Wahrnehmungen benennt, also sich im Gegensatz zu Kleinkindern deren bewusst ist, wird der Regulationsprozess zusätzlich unterstützt. Eine positive Erfahrung kann demnach eine Neuprägung bewirken.



Tipp für den Alltag


Die Gesundheit wird ganzheitlich unterstützt und gefördert, wenn allen drei Teilen des autonomen Nervensystems massgeblich Rechnung getragen wird. In diesem Sinne nutzen auch Sie diese Prinzipien im Alltag. Treten Sie mit Ihrem Umfeld in Kontakt – mit den Augen, über Berührung und teilen Sie Ihre Bedürfnisse und Befindlichkeit mit.


 


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